Transition und Tradition in Bayern -- Eine hypothetische Absolventenrede
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>
Vor einigen Jahren hatte die Zeitungskolumnistin Mary Schmich eine imaginäre College-Rede geschrieben, die um die Welt ging, schließlich von Baz Luhrmann vertont wurde und vielen heute als Sunscreen Song bekannt ist. Schmich empfahl damals, dass jeder eine Abschlussrede schreiben sollte, auch wenn diese niemals würde gehalten werden -- denn (so ist es nun einmal) es erhält immer nur einer das Privileg an jenem Abend vor dem Publikum zu stehen und seine Gedanken fliegen zu lassen.
Liebe Absolventinnen und Absolventen,
liebe Angehörige und Freunde,
liebe noch-Studentinnen und noch-Studenten,
liebe Professorinnen und Professoren,
sehr geehrte Damen und Herren,
es ist nicht ganz konform, wenn jemand wie ich dieses Privileg erhält, eine Abschlussrede zu halten. Nicht konform deshalb, weil bekannt ist, dass ich gerne verbal ohrfeige und den Finger in Wunden lege, damit sie dann so richtig bluten und sich entzünden und erzürnen. Dieses schillereske Aufbegehren gegen die Obrigkeit scheint bei mir seltene Tradition.
Denn Bayern, meine Damen und Herren -- jenes Land, in dem ich geboren wurde und studieren durfte, ist ein Land der Traditionen. Es gibt das O'blecka auf dem Starkbierfest, die Wiesn, Straffreiheit für Gauner mit dem richtigen Parteibuch und immer noch einen König. In Bayern hat Tradition, welche Parteien gewählt werden, wessen Stammbaum an der Macht bleibt, wer einen Strauß Blumen bekommt und Maximale Abschreibungen erzielt. Allerdings glaube ich, dass nur Bayern eine Uni besitzt, an deren Spitze ein Vorbestrafter sitzt (mit bestem Blick über die Pinakotheken).
Doch der Wind ist ein anderer geworden, und auch Präsidenten und Könige, wenn auch auf dem heißen Blechdach, sind nur kleine Fähnchen. "Kürzungen an der Bildung?" Was interessiert mein Geschwätz von gestern -- denn Bildung der Bürger könnte ja den nächsten Wahlsieg gefährden. Transition vor Tradition! Aber keine Angst, ich bin mir sicher, dass viele der Absolventen sich selbst outsourcen und ins Ausland gehen werden. Denn in Bayern wird so konstruktiv der Haushalt geplant wie in Brasilien der Regenwald abgeholzt. Die Sesamstraße lässt grüßen: "Der, die, das -- wer hier bleibt ist dumm?" Wundert es noch irgendjemanden, wenn die Unternehmen hinterherziehen, um in die guten Leute zu investieren? Zum Glück halten wir am deutschen Diplom fest, denn es ist international anerkannt und steht für eine fundierte und breitgefächerte Ausbildung, die weniger auf Fachwissen mit geringer Halbwertszeit Wert legt als primär auf Methodik und Konzepte, die man auch in 10, 20 Jahren noch anwenden kann. "Und im Zuge der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen wird das bewährte Diplom seine Spitzenstellung bewahren." -- was, meine Damen und Herren, interessiert mich mein Geschwätz von gestern.
Es wird immer über die langen Studiendauern geklagt, die in Deutschland im Schnitt am höchsten sind. Das Diplom in Informatik ließ Freiheiten zu, so dass viele Studentinnen und Studenten problemlos das Doppelte an Vorlesungen gehört haben, um ein möglichst breites Wissen davonzutragen. In anderen Studiengängen, in anderen Ländern, ist die Ausbildung oft straff und verschult. Aber das soll sich ja jetzt ändern. Mit der Abschaffung des Diploms, mit der Einführung von Studien- und Verwaltungsgebühren ist der Grundstein dafür gelegt. Aber ob sich die Studiendauer verkürzt, wenn Studenten während ihres Studiums noch mehr arbeiten müssen, um sich das teure Pflaster München leisten zu können? Man darf sich vergoppelt vorkommen. Und vielleicht kann man bald diese Veranstaltung in einen kleinen Seminarraum verlegen.
Aber es gibt auch andere Faktoren! Die Angehörigen und Freunde werden wissen, dass sich das Studium dem Ende nähert, wenn sie ihren Schützling kaum noch sehen. Bei einigen mögen das exzessive Partygelage sein, bei anderen stehen die mündlichen Diplomhauptprüfungen an. Nun geht es bei der Prüferzuteilung zu wie in einem Casino: Jackpot oder Rien-ne-va-plus. Dementsprechend stehen am Tag der Bekanntgabe schon Stunden vorher duzende Lemminge vor einem Schaukasten, als ginge es um Leben und Tod. Und wenn dann endlich die Stunde schlägt, sieht man sie mit lächelnden oder entsetzten Gesichtern davonziehen. Mindestens drei der sechs Noten sind mündliche Prüfungen. Lassen Sie mich ein Beispiel bringen: Ein Student erreicht in jeder Leistung eine 1,0. Überall die Bestnote, bis auf eine Prüfung, in der der Prof. unverständliche Fragen stellt oder einfach nur eine persönliche Vendetta begleichen will. Und weil der Prüfer den Prüfungsverlauf festlegt und es keinerlei Kontrollinstanzen gibt, geht der Kandidat mit einer 4,0 aus dem Zimmer. Und auch die Bitte, ob man ihn stattdessen durchfallen lassen könne, wird mit einem süffisanten "Diese Option haben Sie nicht!" aufgespiest. Damit sind alle Träume von Gerechtigkeit und einem Diplom mit Auszeichnung zerplatzt wie eine Seifenblase, in der nun 1,5 steht. Weil das unter vielen bekannt ist und die Prüfer die berufliche Zukunft des Absolventen in der Hand haben, würfeln viele lieber noch einmal, in der Hoffnung, dieses Mal nicht die oder der Gelackmayrte zu sein. Würfeln, liebe Damen und Herren, das bedeutet, nicht zur Prüfung anzutreten und ein halbes Jahr verstreichen zu lassen. Niemand redet von solchen Faktoren, wenn von faulen Langzeitstudenten die Rede ist.
Noten sind etwas sehr Subjektives, und doch geben sie nicht Auskunft von dem Subjekt. Sie können nicht ausdrücken, wie fähig jener Mensch war, seine Aufgaben zu bewältigen oder mit welchen Mühen und Mitteln. Ob er sich für seine Kommillitonen eingesetzt hat, ob er den sozialen Umgang gelernt hat und ob er Spaß an seiner Studienzeit hatte. Ob er die Möglichkeiten genutzt hat, die ihm die Institution anbot. Ob die Universität eine Persönlichkeit aus ihm gemacht hat. Einen erwachsenen, vernunftbegabten Menschen mit konkreten Vorstellungen, Träumen und Wünschen, mit der Bereitschaft, dafür etwas zu leisten und auf die Beine zu stellen, vielleicht nicht nur für sich selbst. Ob er zu lieben gelernt hat und eine Familie zu gründen und seine Erfahrung weiterzugeben. Diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten.
An dieser Stelle möchte ich allen Professorinnen und Professoren, allen Mitarbeitern und Sekretärinnen, dem Studentenwerk, Herrn Loske und seinem Team von der Cafete, den engagierten, altruistischen Studenten aus der Fachschaft und anderswo, allen Freunden, Eltern und dem sonstigen sozialen Netz von tiefstem Herzen danken. Sie waren es, die dieses Studium erst möglich und erfahrenwert gemacht haben. Denn auch unter den Professorinnen und Professoren waren nicht nur Forderer, sondern auch Förderer, die für ihre begeisterten Studierenden alles menschenmögliche getan haben, um ihren Schützlingen den Weg frei zu machen.
Denn das Informatik-Studium an dieser noch-nicht-offiziellen Elite-Universität ist nicht leicht gewesen. Es war für jeden eine Zeit voller Höhen und Tiefen. Hunderte sind angetreten, um doch niemals die Ziellinie zu erreichen. Darum darf jede Absolventin und jeder Absolvent darauf stolz sein, all die Jahre durchgehalten zu haben, gepaukt und erarbeitet zu haben und heute hier seine Diplomurkunde entgegennehmen zu dürfen. Und auch die Eltern und die Familien der gefeierten sollten Stolz auf die Leistungen sein. Ich bitte auch die Angehörigen, wenigstens dieser Tradition zu folgen. Schließlich sind wir hier in Bayern. Vielen Dank.
Chris Hodges
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