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Die große Suche
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>

Eines Morgens, der Tau lag noch frisch auf den Gräsern, lümmelte sich der kleine Bär vor seiner Höhle und blickte gelangweilt vor sich hin, als er nicht zu weiter Entfernung eine Bewegung wahrnahm. Langsam begann er, seine Augen etwas mehr zu öffnen und sah schließlich ein Eichhörnchen, dass von einem Fleck zum nächsten sprang. Dann wieder blieb es stehen und schnüffelte am Boden. Der kleine Bär wunderte sich, was es wohl suchte. Und schließlich verweilte das Eichhörnchen an einer Stelle und begann zu graben. Wenig später holte es eine Nuss hervor und hüpfte damit fröhlich davon.

Der Bär schaute recht verwundert und dachte darüber nach, ob ihm eine Nuss so viel Freude bereiten würde. Er räkelte sich und stand auf, um eine auch eine Nuss auszubuddeln. Natürlich brauchte er deutlich länger als das Eichhörnchen, um eine zu finden, hatte jedoch mit seinen großen Pranken einen Vorteil. Aber als schließlich seine Beute vor sich hin hielt, spürte er nur sehr wenig, und Freude war kaum darunter. Er warf die Nuss dem Eichhörnchen zu, dass seit einiger Zeit, sein seltsames Treiben beobachtet hatte, aus dem es nicht so ganz schlau wurde. Dankbar sprang es mit dem Geschenk davon.

Der Bär begann zu grübeln und sagte zu sich selbst, "Ich würde mich auch gerne glücklich fühlen.". Alle Tiere schienen nach etwas zu suchen und sich dann darüber zu freuen, wenn sie es gefunden hatten. Vielleicht hatte er also nicht nach dem richtigen Gegenstand gesucht. Und so begann er, zu suchen. Es wusste zwar nicht, nach was er Ausschau halten sollte, aber irgendetwas würde er schon finden, dachte er.

Und so drehte er jeden Stein im Umkreis seiner Höhle um, kletterte auf jeden Baum und durchwühlte sogar den Grund des Flusses, sehr zum Leid der anderen anderen Tiere, die dort gerade etwas trinken oder gar baden wollten. Er fand Blechdosen, eine kaputte Uhr, einen zerfetzten Stiefel und sogar einen alten Autoreifen. Trotzdem konnte nichts von alldem ihn zufrieden stellen. Und so ging der Bär zurück in seine Höhle und schlief vor Erschöpfung tief ein.

Bären sind bekannterweise sehr dickköpfig und so beschloss er am nächsten Morgen, dass er weitersuchen würde. Er begann zu begreifen, dass, was immer er suchte, er nicht hier im Tal finden würde. Der Bär wollte sich von seiner Heimat verabschieden, als ihm einfiel, dass niemand da gewesen wäre, dem er auf Wiedersehen hätte sagen können.

Und so machte er sich auf den Weg. Gegen Mittag hatte er seinen Wald verlassen und ging weiter. Er ließ Felder und Flur hinter sich und ging noch weiter. Schließlich kam der kleine Bär in eine große Stadt. Dort war es ungemütlich und es stank und war laut, und alle fragten ihn, was er hier suchte und er wusste es nicht. Er war gerade dabei, sich wieder auf den Weg nach Hause zu machen, als er ein Plakat sah mit der Aufschrift 'Suchen Sie das Abenteuer oder einen Schatz? Dann kommen sie nach Thailand!'. "Nun,", dachte der kleine Bär, "wenn ich schon nicht weiß, was ich suche, dann kann ich wenigstens mal versuchen, ob das was ist. Klingt jedenfalls nicht schlecht." So nahm er das nächste Flugzeug in Richtung Indochina, das er kriegen konnte.

Nach einem langen und anstrengenden Flug (auch für die anderen Fluggäste, die teilweise ziemlich verängstigt waren) landete er nun an einem Ort, den er noch nie zuvor betreten hatte. Er freute sich auf den Wald, denn der kleine Bär hatte genug von den Menschen und ihrer technisierten Welt. Auch wenn der Wald hier ganz anders aussah, als in seiner Heimat, er fühlte sich doch sehr wohl darin.

Und so ging seine Suche weiter. Er kletterte auf die hohen, riesigen Bäume, schaute hinter große farnartigen Pflanzen und in so manche Höhle. Gegen Abend suchte er sich einen umgestürzten Baumstamm und rollte sich dahinter zusammen. Oft waren die Nächte kühl und er fühlte sich sehr einsam.

Eines Tages, begann er ganz spontan ein tiefes Loch zu graben. Er hatte wieder an das Eichhörchen aus seinem Wald gedacht und wollte überprüfen, ob es hier auch Nüsse gab. Als eine ziemlich ansehliche Grube gebuddelt hatte, bemerkte er, dass die ihn ganze Zeit ein Tier auf einem Ast des gegenüberliegenden Baumes beobachtet hatte. Neugierig und doch eine selbstsichere Ruhe ausstrahlend, wedelte es mit seinem Schwanz sah zum kleinen Bären hinunter.

Der Bär brummte ein wenig, und wollte gerade wieder weiter graben, als die Tigerkatze elegant vom Baum heruntersprang und schnurrte: "Hallo Du, was machst Du denn da?". Der Bär hielt inne und musterte diese Raubkatze. Ein solches Tier hatte er noch nie zuvor gesehen. Sie hatte ein goldbraunes Fell, das etwas heller war als seines und das mit schwarzen Streifen durchzogen war. Im Gesicht hatte es weiße Flecken. Schließlich antwortete er, "Ich suche etwas. Darum grabe ich ein Loch."

"Aha,", gab die Tigerkatze ungläubig zurück, "und was glaubst Du wirst Du dort in diesem Loch finden?"

Brummelnd hörte der Bär auf zu graben, setzte sich an den Rand und blickte nach unten. "Ich weiß es doch auch nicht", begann er, "die Tiere in meinem Wald suchen auch ständig etwas, und wenn sie es dann gefunden haben, scheinen sie sich darüber zu freuen." Der kleine Bär zögerte und schaute dann ihr auf, "Ich möchte etwas finden, dass mich glücklich macht."

Die Raubkatze sah ihn lange an, und der Bär glaubte kurz einen Augenblick des Mitleids und Wehmuts erkannt zu haben, bevor sie näher kam und erwiderte, "Leider weiß ich nicht, was Bären wie Du suchen, aber es klingt nach einer guten Idee. Darf ich mich Dir anschließen?"

Der kleine Bär zögerte nicht und nahm die Hilfe dankbar an. Und so suchten sie gemeinsam weiter nach was immer sie auch suchten. Und manchmal war es einfach nur schön, nicht mehr alleine durch den Urwald zu wandern. Der kleine Bär erzählte dem Tiger viele Geschichten aus seiner Heimat und seinen Abenteuern und der Tiger lautschte geduldig. Natürlich sparte auch die Tigerkatze nicht an Erzählungen über ihre Erfahrungen und ihr Wissen über diesen Urwald wieder und der Bär fand es sehr spannend. Er hörte ihr sehr gerne zu.

Abends, wenn die Dämmerung hereinbrach, kuschelten sich die beiden aneinander, damit sie nicht froren. Und auf einmal war es nicht mehr kalt in der Nacht. Sie teilten ihre Mahlzeiten, die sie zusammen erjagt hatten und es schmeckte alles viel besser.

Einmal, als die beiden entlang eines kleinen Flusses wanderten und die Sonne ihre Körper wärmte, sprang die Katze auf einmal davon und rief dem Bär hinterher, "Lass uns verstecken spielen!". Und schon war sie verschwunden.

Der kleine Bär, der etwas überrascht von diesem Vorschlag war, der für ihn nichts desto trotz eine willkommene Abwechslung darstellte, lief so schnell er konnte zurück in den Wald und suchte sich ein gutes Versteck. Er fand eine kleine Höhle unter einem Baumstamm. Und so wartete er darauf, dass der Tiger nach ihm suchen würde.

Das gleiche musste sich wohl die Tigerkatze gedacht haben, denn auch sie wartet in ihrem Versteck. Nach einer Weile beschlossen beide, dass sie sich wohl irren würden, wer mit Suchen dran war. Langsam und vorsichtig schlicht sich der Bär aus seinem Versteck und ging rückwärts durch den Wald.

Plötzlich berührte Bär mit seinem Hintern etwas und drehte sich schnell um. Auch der Tiger wandt sich um und beiden riefen im Chor, "Hab Dich gefunden!". Sie lachten und fielen sich in die Arme und auf einmal spürte der Bär dieses komische Gefühl in seinem Bauch und brummte, "Endlich habe ich gefunden, was ich gesucht habe. Es ist ein wahrer Schatz!" Und auch die Tigerkatze schnurrte, "Manchmal braucht man ein ganzes Leben, um das zu finden."

Und während sich beide in den Armen lagen und sich nicht mehr los lassen wollten, fragte die Tigerkatze, "Wie heißt Du eigentlich?"

Der kleine Bär schaute ihr in ihre schönen braunen Augen und antwortete, "Ich bin Chrisly, Dein Lieb-Hab-Bär."

Und so beendeten beide ihre Suche und gingen von nun an gemeinsam durch das Leben, denn sie empfanden sehr viel füreinander. Sie waren glücklich und fanden es schön, einander gefunden zu haben.

Drawing by Chris Hodges
Zeichnung von Chris Hodges

©1997-2009 Chris Hodges. Last time updated on 02-Jun-09 12:19:11. Legal disclaimer, imprint.