Winterschlaf
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>
An einem wunderschönen, aber frostigen Morgen wachte der kleine Bär unerwartet aus seinem Winterschlaf auf. Er sperrte seine große Schnautze auf und gähnte ein langes, erschauerndes "Earl!". Dann blinzelte er mit seinen Augen, und ließ sie schließlich offen, damit sie sich wieder an die Helligkeit gewöhnen konnten. Während er noch die letzten, süßen Träume von einem Ausflug zum Fluss mit einem festlichen Lachsmahl aus seinem Kopf schüttelte, blickte er zum hellen Lichtschein am Ausgang seiner Höhle.
"Na, zum Glück ist es wieder soweit", freute sich der Bär, "der Frühling ist endlich gekommen." Und dann streckte und reckte er sich noch einmal, bevor er aufstand, um sich auf den Weg nach draußen zu machen. Er hatte nämlich einen Bärenhunger, an dem bestimmt nicht nur seine Träume schuld waren.
Doch irgendetwas stimmte nicht.
Während er auf das Licht zuging, konnte er den Wind heulen hören und sein Atem stieg in großen, grauen Dampfwolken vor seine Augen auf. Und plötzlich war ihm klar geworden, warum ihn das Schneegestöber und das helle, weiße Land so verwirrte. "Brrrrummmm, es ist ja noch gar nicht Frühling!", empörte er sich. "Da hat mir wohl jemand einen Streich gespielt."
Aber wie konnte das nur passieren? Unentschlossen, was er nun tun sollte, ging er ein wenig im Schnee spatzieren. Er sah und hörte keine Vögel zwitschern, keine Schmetterlinge fliegen oder auf Blumen sitzen, denn Blumen gab es keine. Der Boden war mit einer tiefen Schicht Schnee und Eis bedeckt und die Bäume trugen schwer an ihrer weißen Last. Sein dicker Pelz sollte ihn vor der Kälte schützen, aber an seinen Tatzen frierte er trotzdem.
Er begann zu überlegen. Und zwar zuerst mit seinem Bauch, denn er schien ihm doch ziemlich leer zu sein. "Wo bekomme ich jetzt etwas zu essen her?", fragte er sich. Hinter ihm begannen die Spuren bereits zu verwehen und sein Unterschlupf war auch nicht mehr zu sehen. Und so ging er weiter auf der Suche nach Nahrung und Wärme.
Hatte er denn nicht genug gefressen, bevor er sich zum Schlafen hingelegt hatte? Er erinnerte sich nicht richtig. "Vielleicht war ich nicht fleißig genug?", überlegte er, verdrängte diesen Gedanken aber schnell wieder, denn auch wenn er öfters im Sommer auf der faulen Haut lag und es sich gutgehen ließ, war er doch im Herbst sehr lange gejagt und sich ausgiebig den Magen vollgeschlagen.
Er grübelte vor sich hin und begann langsam zu verzweifelten, wie er denn jetzt in diesem Winter überleben sollte. Er hatte sich so viel für den Sommer vorgenommen, wollte neue Möbel in seiner Höhle einrichten und eine längere Reise machen, an einen Ort, wo es viel Honig gab und man es sich richtig gut gehen lassen konnte. An diesem Ort war er schon vor ein paar Jahren gewesen. Zwar sprachen die Bären dort eine andere Sprache, aber daran hatte er sich schnell gewöhnt.
Und während er so vor sich hin trottete und ihn Schritt um Schritt das trübe Licht der Sonne und seine Kräfte ihn verließen, sah er in der Ferne einen kleinen, rot-schimmernden Fleck. Aber der Bär war schon müde und die Kälte drang nun tief in seinen Körper. "Ich muss mich kurz ausruhen... etwas schlafen... schlafen...", murmelte er noch, bevor er langsamer wurde und stehen blieb.
Der kleine Bär legte sich hin, als winziger brauner Fleck in einer scheinbar endlosen Schnee- und Eiswüste. Schließlich fielen ihm seine sanften, braunen Augen zu und er begann zu träumen...
Der Himmel war blau, als er nach oben blickte und er hörte den Fluss rauschen, der so lebhaft und sprudelnd in ein paar Metern Entfernung vorbeifloss. Die warmen Strahlen der Sonne überfluteten das Tal, das so bunt war von all den blühenden Pflanzen und all den Tieren, die auf der weiten Flur vergnügt spielten. Der Bär atmete tief ein und all die süßen und würzigen Gerüche von Nektar und frischem Gras erfüllten ihn mit einer solchen Freude, dass er sofort aufstand und wild herumtollte. "Es ist so schön hier!", sagte er zu sich selbst.
Auf der anderen Seite des Flusses saßen ein paar andere Bären, die sich gerade genüsslich ihre Tatzen voller Honig abschleckten. Als sie ihn kommen sahen, riefen sie ihm freundlich etwas zu, dass er im ersten Augenblick nicht verstand. "Mon petit ours aimé!", hallte es wieder herüber. Und da erkannte er, dass er in seinem Land seiner Jugend war.
"Das muss ein Traum sein!", rief er und lachte laut los. Aber das Lachen blieb ihm im Halse stecken. Denn das war es tatsächlich. "Es ist ein Traum!", begann er zu schluchzen. "Und wenn ich nicht sofort aufstehe und weitergehe, wird es für immer ein Traum bleiben", sprach er weiter.
Das wollte er nicht. Er wollte zurück in dieses wunderbare Land. Er wollte den Fluss überqueren. So einfach konnte er nicht aufgeben. Nicht für dieses Ziel. Er war vielleicht gescheitert, aber die Schlacht war noch nicht entschieden.
Als er aufwachte, war er fast schon völlig vom Schnee eingeschneit worden. Aber der kleine Bär richtete sich auf und schüttelte sich, bis er wieder der braune Bär war, den alle kannten. Er hatte das Gefühl, jetzt sogar etwas größer zu sein!
Er lief auf das rote Licht zu und kam endlich an eine Hütte. Mit letzter Kraft klopfte er gegen die Tür, bevor ihm schwindlig wurde und er ohnmächtig zu Boden sank.
Als er wieder die Augen öffnete, sah er das Feuer des Kamins vor sich, aber er war zu müde, viel zu müde und schlief wieder ein.
Am nächsten Morgen wachte der Bär vor der Tür auf. Vor ihm lagen ein paar große Lachsfische, die er ohne lange zu zögern verschlang. Er machte sich auf den Weg zum See, um noch mehr Fische zu fangen. Er würde noch mehr Nahrung brauchen, bevor er diesen besonders langen, harten Winter überwinden würde. Und so fing und verschlang er einen Fisch nach dem anderen, fast den ganzen Tag lang.
Nach dieser anständigen Mahlzeit, begab er sich wieder zurück in seine
Höhle, wo er sich wieder zusammenrollte, um die letzten kalten Monate zu
verbringen. Und dieses Mal war er sich sicher, er würde vom süßen Geruch
von Nektar geweckt werden.
©1997-2009 Chris Hodges. Last time updated on 02-Jun-09 12:13:46. Legal disclaimer, imprint.