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Wahnsonntag
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>

Es ist zwei Tage vor der Wahl -- Zeit genug, um sich noch so richtig das Gehirn durchwaschen zu lassen durch das Werben um die Gunst des Wählers...

Die Frage ist nicht, ob ich mir eine Pizza in den Ofen schieben soll, sondern welche. Denn jetzt in den Semesterferien, da kommt man nicht mehr so häufig in die Mensa. Nicht, dass das jetzt besonders schlimm ist: Die Auswahl zwischen 'Würgi' und 'Schlonz' war ohne hin nicht sonderlich groß. Aber bequem war es schon, wenn man sich einfach so das "dunkelblaue" Essen auf das Tablett klatschen konnte. Und faul sind wir; das wusste nicht nur Taylor, als er sein Menschenbild der Ökonomie präsentierte.

Und so kommt es, dass sich viele der Wähler erst kurz vor der Bundestagswahl entschließen, wen sie wählen wollen, wie ein toter Fisch im Wasser, der von jedem Strömungswechsel erfasst und weggetrieben wird. Wenigstens gehen die Leute ja noch zur Urne und tun das, was sie wollen. Oder ist es nicht vielleicht umgekehrt? Schließlich heißt die Phase kurz vor der demokratischen Stimmabgabe, in dem den mündigen Bürgern klar gemacht wird, was sie wollen, ja Wahlkampf. Wer hat nochmal gesagt, dass es im Krieg nur Verlierer gibt?

Denn die Entscheidung, sie kommt meistens nicht von innen. Sie ist weder fundiert, noch rational erörtert. Als hätte man nicht vier Jahre Zeit gehabt zu überlegen, ob die Kreuzerl, die man damals beim ersten Mal[1] gefällt hat, weh getan haben. Jedenfalls wird regelmäßig nach der Wahl Paragraph 218 auf die ganzen Pläne angewendet. Für diese ethischen Verbrechen gibt es keine Instanz -- außer dem Vergessen. Aber wäre Verhütung besser gewesen?

Zum Glück hat man ja nocheinmal die Qual der Wahl. Also muss man sich wieder in Erinnerung rufen lassen, was welche Partei wie verbrochen hat. Am besten natürlich von der jeweils anderen Partei, die sowieso alles besser weiß. Oder man lässt sich die kurzfristigen Pläne zur Problembewältung auf allen Gebieten erklären. Natürlich von den "Spitzenkandiaten" (hat das etwas mit einem Eisberg und der Titanic zu tun?), die vorgefertigte Textblöcke aus ihrem Wahlprogramm und -plakaten wiedergeben --- so schwammig, dass man sich an Faust erinnert fühlt.[2] Da hilft auch das aneinander Vorbeireden im Fernsehen nichts. Im guten, alten Rom war es auch nicht viel anders: Das Volk will ja schließlich unterhalten werden. The show must go on!

Aber die bewährten Instrumentarien der Macht, die Medien, haben noch mehr zu bieten. Allerdings sollte man, wenn man den Bürger nicht für zu dumm hält, es nicht ganz so plump machen wie die Bild-Zeitung, die ganz gezielt versucht, die Wähler in eine Richtung zu manipulieren, was mit Journalismus nicht mehr viel zu tun hat. Andererseits, erinnern wir uns an Taylor.

Oder man orientiert sich anhand von Wahlprognosen ("wenn das alle (?) wählen, mach ich das auch"?), Wahlparolen und Wahlversprechen. Von letzteren erklärt selbst Kapitän Blaubär seinen Neffen, dass man diese üblicherweise nicht einhält.

Schlauer sind da nur diejenigen, die sich wortwörtlich für dumm verkaufen lassen wollen -- und ihre Stimmen auf E-Bay oder in Zeitungsannoncen anbieten. Schade dabei ist, dass dies eine Straftat darstellt und mit bis zu fünf Jahren geahndet wird. Zum Glück ist das, was die Politker machen, ja alles legal -- und sie kriegen ihren Wahlkampf sogar noch kräftig aus den Steuergeldern bezahlt. Wer redet denn da noch von Bonusmeilen? Egal wie man es drehen oder wenden will, der Wähler scheint immer leer auszugehen.

Wie es auch ausgehen mag: Die Zutaten auf der Pizza müssen stimmen, der Bäcker selbst macht nicht so den Geschmack aus. Wenn ich es mir recht überlege, ist mir der Appetit vergangen. Dann setze ich doch lieber diesem ganzen Wahlwahn einen Kontrapunkt und gehe in die Pinakothek, um die versteckten Details in den gehaltvollen Werken dort zu entdecken.

Chrisly

[1] bei den meisten von uns wird es zumindest die erste Bundestagwahl mit Stimmrecht gewesen sein, sehen wir einmal von den Langzeitstudenten ab ;)
[2] "Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor."

©1997-2009 Chris Hodges. Last time updated on 02-Jun-09 12:13:32. Legal disclaimer, imprint.