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Sternschnuppen
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>

Philipp stieg in die Eisen seines Fahrrades. 'In fünf Minuten bin ich zuhause', dachte er, 'dann kann ich endlich ins Bett und vielleicht sogar mal ausschlafen'. Es war erst kurz nach Mitternacht und er erinnerte sich an den Abend zuvor, als er erst um fünf Uhr morgens die Party verlies. Es war Connys Geburtstagsfeier gewesen und sie hatten lange Poch gespielt, nachdem die meisten Gäste gegen 2 Uhr gegangen waren. Auch wenn Philipp ständig schlechte Karten bekam und als erster seinen Kreditrahmen sprengte, so hatte er doch eigentlich viel Spaß gehabt. Und auch heute schien sein Kartenglück ihn wieder verlassen zu haben, als der Schafkopfabend einem gehörigen Minus endete.

"Tja, Pech im Spiel...", mürmelte er vor sich hin, während er auf die alte Bahnhofstraße abbog, auf die das fahle Licht der Straßenlaternen schien. Ja, aber wo war sie, die Liebe, nach der er sich so sehr sehnte? Im Gegensatz zu seinen Mitspielern würde er heute Nacht das Kopfkissen mit niemandem teilen. Er blickte kurz hinauf zum Himmel, sah hoch in die wolkenlose Finsternis, in der die Sterne wie kleine, einsame Diamanten funktelten.

Er beschleundigte die Fahrt noch etwas als er den Ort verließ und die Straße zur Schnittlinie zwischen den Feldern wurde. Das Frontlicht seines Rades war defekt, aber die Laternen spendeten genügend Licht, so dass er sich auf dem Weg sicher fühlte. Links auf der Wiese bemerkte er einen großen Schatten: Dort stand ein Pferd und graste am Rande des Elektrozauns.

Philipp hielt sein Rad an; das wollte er sich genauer ansehen. In seiner Jugend hatte er nie etwas mit Pferden zu tun gehabt und irgendwie hatte er immer noch das Bedürfnis, einiges aus dieser Zeit nachzuholen. Das Fahrrad stellte er an den Rand und bewegte sich ein paar Meter in Richtung Zaun, um das braun-weiß gefleckte Tier zu näher betrachten. Es lies sich kaum stören, blickte nur einmal kurz auf. Das Pferd schaubte laut mit seinen Nüstern, als er seine Hand zwischen die beiden Leitungen des elektrischen Zaunes steckte, um sie beschnuppern zu lassen. Dann streichelte er vorsichtig den Kopf und flüsterte "Ja... Du bist ein gutes, braves Tier". Er war erstaunt: Das Fell war unerwartet rau. Er schaute ihm tief in seine dunkelen braune Augen und glaubte, dass das Pferd ihn verstand, ihn und sein Innerstes erkennen würde. Der Funke Angst, den er vorher empfand, wurde löste sich auf zu einem seltsamen Gefühl des Vertrauens.

So standen sie beide noch ein paar Sekunden da, bis er schließlich zurück zu seinem Drahtesel ging und weiter fuhr. Er fühlte sich komisch, aber auch irgendwie zufrieden mit sich. 'Wieder eine neue Erfahrung', dachte er sich. Er erreichte die Brücke, die über die Schnellstraße führte und oben angelangt blickte er nach oben zum Firmament. Ein schneller, weiß-glühender Strahl schoss quer über dem Horizon herab. Für diese Sternschnuppe, dachte er, dürfte er sich ja etwas wünschen. Die letzten Male hatte er sich immer etwas für andere gewünscht. Z.B. dass sie ihre Klausuren bestehen und glücklich werden würden. Aber diesmal, meinte er, dieses Mal sollte es etwas für sich sein. Und so sprach er die tonlosen Worte in seinen Gedanken aus.

Einen kurzen Moment später schien ihm das absurd: ging es ihm denn nicht schon gut genug? Hatte er nicht bereits Erfolg, war gesund und hatte viele und sehr gute Freunde? Er hatte einiges geleistet in den letzten Monaten, bekam auch viel Bestätigung von anderen Menschen um ihn herum. Das tat gut, erinnerte er sich. Und die langen Gespräche, der Gedankenaustausch mit seinen Freunden, denen er helfen konnte und die ihm dafür dankbar waren.

Und sein Studium lief doch auch gut, oder? Besser zumindest, als bei vielen anderen, die tatsächlich nichts anderes taten, als sich dem Stoff zu widmen. Wo hatte Philipp schon überall seine Nase drin und alles mitgekriegt, was es zu erfahren gab? Wieviele Studenten aus allen Jahrgängen kannten ihn schon persönlich?

Und Geld? Damit hatte er auch kein Problem. Es war nicht richtig viel, aber er konnte damit leben und sich einen Teil seiner Wünsche erfüllen. Zum Glück war er nicht davon abhängig und konnte doch eigentlich so viel in seiner Freizeit vollbringen, was ihm tatsächlich Spaß machte.

Und Maria. Eine zauberhafte, wundervolle Frau, intelligent und sensibel, in die er sich gerne verlieben würde und mit der er bis in die späte Nacht hinein telefoniert hatte. Sie verstand es, ihm zuzuhören, aber auch er war einfach nur von ihr begeistert, zum Beispiel, welche seltsamen Seufzgeräusche sie von sich geben konnte. Sie brachten sich gegenseitig zum Lachen, wussten aber auch über die ernsten Dinge offen zu reden. Und auch wenn es keine Liebe werden könnte, so gab es nur sehr, sehr wenig, was er bereit gewesen wäre, für die Freundschaft einzutauschen. Und auch eine platonische Liebe und Nähe, das war für ihn auch etwas Wertvolles, dass er ihr bereitwillig anbot und dass ihn glücklich machte, es ihr zu schenken.

Er dachte an seine anderen Freunde. Daran, wieviele Erlebnisse und Gefühle er mit ihnen geteilt hatte. Vieles von dem würde nie wieder kommen. Aber in ihm drin würde es immer ein Teil seines Lebens bleiben. Ein Schatz, der im Grunde nur ihm allein gehörte, den er immer wieder hervorkramen könnte, wenn es ihm schlecht ging.

"Eigentlich... eigentlich gehts mir doch richtig gut!", murmelte er, als die Ampel von Rot auf Grün sprang und ihm die Weiterfahrt erlaubte. "Und wenn das einzige, was mir fehlt, eine Beziehung ist", sprach er laut aus, "wie blöd muss ich dann sein, um mich allein deswegen unglücklich zu machen?" Irgendwie würde es sich irgendwann schon ergeben. Kein Grund, sich jetzt den Kopf oder das Herz darüber zu zerbrechen. Er lächelte. Irgendwie wurde am Ende alles einen Sinn ergeben. Und er dachte zurück an das Pferd und wie es ihm in die Augen geschaut hatte.

Als er sein Rad in den Keller sperrte und das Tor schloss, fiel ihm plötzlich etwas auf. Er begann herzhaft zu lachen und sprach zu sich selbst: "Ich wusste gar nicht, dass Sternschnuppen so schnell wirken!"

©1997-2009 Chris Hodges. Last time updated on 02-Jun-09 12:13:01. Legal disclaimer, imprint.