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Die Kette
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>

Er hatte Schwierigkeiten, die Öse zu öffnen. Endlich schaffte er es, die beiden Glieder zu trennen und nahm die goldene Kette ab, die er zwei Wochen lang getragen hat.

Das letzte Mal nahm er sie ab, nachdem er sich einige Wochen zuvor von seiner Freundin getrennt hatte. Sie hatte ihm diese Kette zu seinem Geburtstag geschenkt und er wollte sie erst wieder tragen, wenn er wieder verliebt sei. Eine Kette mit einem flachen, goldenen, Sternzeichenanhänger. Steinbock. Auf der Rückseite: "Bussi, Wilma".

Philipp hatte versucht, ihr Herz zu öffnen und Gefühle für ihn zu wecken. Wie so oft im Leben war er bei dieser Aufgabe gescheitert und hatte schließlich kapituliert. Natürlich gab es einige Hinweise darauf, dass Dagmar sich für ihn interessierte und sie ließ sich auch an der Hand nehmen, wenn man sie nahm. Und auch drücken, wenn man sie drücken wollte. Aber nichts, das von ihr ausging lies auf irgendwelche Emotionen schließen, die über die schon langjährig bestehende Freundschaft hinausgehen würden. Und jetzt hatte er keine Lust mehr, sich von dieser quälenden Ungewissheit kaputt machen zu lassen.

Am Sonntag Nachmittag zuvor waren sie einen Kaffee trinken gegangen. Lange hatten sie sich unterhalten über Gott und die Welt und viel gelacht. Sie redeten auch über Beziehungen und Liebe; über die Schwierigkeiten, das zu sagen, was man denkt, darüber, dass es meistens in die Hose geht, wenn man aus einer langen Freundschaft mehr machen will.

Philipp war sich selbst nicht sicher, was er fühlte. Er wollte ehrlich sein. Aber er wollte auch wieder lieben. So lieben, wie er es früher bereit gewesen war. Ohne Einschränkungen mit ganzem Herzen. Das Kribbeln im Bauch fehlte und das machte ihm Angst. Vielleicht war er gar nicht verliebt? Die Sehnsucht jedoch, wenn er an sie dachte, war da. Die unbeschreibliche Freude, sie zu sehen, war auch da. Er hoffte, wenn sie bereit war, seine Liebe anzunehmen und zu erwidern, würde sie gänzlich in ihm erwachen und jener Angst weichen, die ihn davor hinderte, sich seinen Gefühlen voll und ganz zu ergeben.

Natürlich wusste Dagmar, dass Philipp mehr von ihr wollte. Zumindest ging er davon aus, denn sie war intelligent und sie verstand seine Andeutungen. Aber es blieb nicht nur bei den versteckten Hinweisen, die er früher immer ganz gern verstreut hatte und von denen sich niemand die Mühe machte, sie zu finden.

"Dagi," sprach er zögernd, als sie durch den dunklen Englischen Garten über matschige Pfade wanderten und den unzähligen Pfützen versuchten auszuweichen. Er gab sich einen Ruck. "Dagi, ich hab Dich lieb".

"Ich hab Dich auch lieb, Phil", folgte nicht einmal eine Sekunde später.

Ermutigt durch diese Worte sprach er weiter. "Ich hab Dich sogar sehr lieb."

"Das... das ist mir eine große Ehre", war alles, was sie darauf antwortete.

Sie ließ sich bei der Hand nehmen, um ihre eisigen Fingerchen zu wärmen. Er steckt sie in seine Manteltasche und hielt sie fest, rieb ab und zu an ihren Gelenken. Aber selbst Philipp hatte nicht genug Wärme, um das zu schaffen.

©1997-2009 Chris Hodges. Last time updated on 02-Jun-09 12:12:22. Legal disclaimer, imprint.