Oger sind wie Zwiebeln...
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>
Dass Oger nicht nur stinken und hässlich sind, sondern vor allem auch Schichten haben, wissen wir seit Shrek. Dass mein Zimmer auch wie eine Zwiebel aka Shrek ist, weiß ich seit gut zwei Wochen. Ich habe nämlich renoviert und dabei Schale um Schale in Form von drei Schichten Tapete und zwei Schichten Farbe entfernt. Dabei ist mir aufgefallen, wie gut sich Kinderzimmer als Erinnerungsspeicher eignen. Sozusagen wie ein Flash-ROM. Da findet man Signaturen in krakeliger Schrift (nicht, dass sich das gebessert hätte), auf der ersten Farbschicht hier und da ein Diagramm mit X/Y-Achse und einer Funktion, die man am ehesten mit sin(1/x) beschreiben kann. Früh übt sich! Doch das ist nun alles Vergangenheit, wegradiert und überstrichen mit Farbe, die an Homogenität zu wünschen übrig lässt (dummerweise konvergiert der Farbton beim Mischen erst im Unendlichen).
Und was lernen wir aus der Vergangenheit? Nichts. Immer dann, wenn schreckliche Katastrophen passieren, die so surreal sind, wie die Anschläge auf das World Trade Center, neigen wir dazu, emotional zu reagieren. Und wo Emotionen sind (die grundsätzlich nichts Schlechtes sind), setzen zwangsweise der Verstand und die Vernunft aus (also für die Prüfung merken: versuchen, möglichst wenig Angst davor zu haben). Und so ist die erste Reaktion der USA, die Diplomaten zurückzuziehen, den Kontakt abzubrechen und den Krieg zu erklären (zum Zeitpunkt meines Schreibens ist dies noch nicht offiziell der Fall und ich hoffe, dass es auch nie eintreten wird) und das Leben weiterer zehntausender Menschen zu risikeren. Ist das denn irgendwie besser? Eskalation ist der stairway to heaven.
Ich bitte hier um fünf Gedenkminuten für die 17.100 unschuldigen Toten des Erdbebens in der Türkei von 1999. Nein, Terrorismus und Naturkatastrophen sind nicht vergleichbar. Außer, dass sie unvorhersehbar sind, gewaltige, sinnlose Zerstörungen verursachen (können), Ursachen haben, die man auf den ersten Blick nicht sieht oder bekämpfen kann (oder will) und dass sie oft nicht greifbar und zur Verantwortung ziehbar sind. Aber einen Schuldigen, einen Sündenbock brauchen wir jetzt. Und der muss dann gekreuzigt, gevierteilt, erschossen und geköpft werden, und danach muss man ihm wirklich weh tun. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn es nur so leicht wäre, unser Leid, unsere Wut und unseren Hass loszuwerden. So einfach, wie sich mit der Medienwelle mittragen zu lassen und die Gedankenkonserven als seine eigenen anzunehmen.
Aber wieso spreche ich dauernd von unseren Emotionen? Was ist uns denn passiert? Wir sprechen uns zu Solidarität mit den Opfern der Katastrophe aus, klar, aber noch weiter, wir versichern den in ihrem Nationalstolz getroffenen USA sogar militärische Unterstützung, de facto für einen Angriffskrieg. Webseiten gehen offline oder präsentieren sich in schwarz.[1] Das Zuwanderungsgesetz muss neu diskutiert werden, denn es haben sich völlig neue Sachverhalte ergeben. Trittbrettfahren, auch emotionales, ist mindestens genauso gefährlich wie S-Bahn-Surfen. Diese Katastrophe wird dazu benutzt, um eine rigide Ausländerpolitik salonfähig zu machen, um Abhörmaßnahmen zu etablieren, die einem Überwachungsstaat ähneln. Haltet mich für kaltherzig, wenn ich so ehrlich bin, aber ich bringe nicht die Emotionen auf für 10.000 Verstorbene. Der Tod eines Menschen, den ich nicht einmal kannte, Douglas Adams, hat mich da deutlich mehr berührt.
Die Wahrheit ist, ebenso wie Oger, eine vielschichtige Angelegenheit. Außen liegen nur die Symptome, erst unter der Schale findet man die Ursachen. Um so näher man dem Kern kommen will, desto ganzheitlicher muss man denken (mathematisch also eine Kugelspiegelung). Daraus folgt, dass die absolute Wahrheit, genau wie meine Wandfarbe, im unerreichbaren Unendlichen liegt. Was aber nicht bedeutet, dass die Suche nach der Wahrheit sinnlos ist: Man muss es zumindest versuchen. Und für die meisten Leute ist meine Wand auch tatsächlich hellblau.
Chrisly
[1] PostScriptum: Und die Steuern müssen erhöht werden. Wann
hat man sonst Gelegenheit dazu?
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