Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit
Autor: Chris Hodges <chrisly-at-platon42-dot-de>
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wieviele Leute, die vorher noch ganz ruhig und gelassen gewirkt haben, beim Einfahren der S-Bahn, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, beginnen in Fahrtrichtung den Bahnsteig entlangzueilen? Als ob es ein tief in der Erbsubstanz verwurzelter, innerer Drang und unvermeidlich wäre. Ich fühle mich immer ganz schlecht, wenn reihenweise wehrlose (?) Passanten beinahe gegen meinen statischen Körper rennen, weil sie nicht erwartet haben, dass jemand nicht dem "Ruf der S-Bahn" folgt. Aber das passiert mir nur dann, wenn ich in der Mitte einsteigen muss. Dass der MVV sehr mit der Mutter Natur verbunden ist, zeigt sich nämlich daran, dass genau der ein Meter lange Stein dunkel und feucht ist (damit den etwas aufmerksameren Stammfahrern auffallen könnte), den Haltepunkt der zweiten Tür im vordersten Wagen markiert -- den optimalen Einstiegspunkt, wenn man am Hauptbahnhof in die U-Bahn wechseln möchte.
Aber nicht nur der MVV nutzt die latent sexuelle Ausstrahlung ihrer Verkehrsmittel. Ja, Sie denken jetzt bestimmt an die Calgon-Werbung mit den verkalkten Heizstäben. Nicht? Die meine ich sowieso nicht. Auch nicht die pathetische "Ich war Deutschlands großer Tennisspieler, seht was AOL aus mir gemacht hat! Ich darf noch drei mal!"-Antiwerbung. Welche Werbung suggeriert denn unbegrenzte Potenz? Na? Richtig. Pringels. Auf der Website[1] der für die Werbekampagne verantwortlichen Firma findet man u.A. dieses: "Durch den Claim 'Einmal gepoppt -- nie mehr gestoppt!'[2] wird der Spaß-Faktor mit dem unverwechselbaren Geschmackserlebnis verbunden." Ach, so ist das.[3]
Vielleicht ist es auch nur ein Trend. Mit Trends verhält es sich folgendermaßen: Irgend ein Produkt wird auf den Markt geworfen und dann kommt entweder eine wahnsinnige PR-Maschinerie und verkauft die Leute, nämlich für dumm. Oder aber der Hype zieht sich wie Phoenix selbst aus der Asche. Beiden gemeinsam ist allerdings, dass die Opfer sich tatsächlich drehen wie Fahnen im Wind, ohne auch nur eine Sekunde über die Sinnigkeit nachzudenken. Beispiele hierfür mag damals Windows, jetzt Linux sein. Finden Sie diese völlig überteuerten Kick-Boards (als ich noch jung war, hießen die noch Tretroller) nicht auch total hip? Nach einem bösen Unfall mit solchen high-speed Gefährten kann es dummerweise zu einem "total hip replacement"[4] kommen.
Seit der Kindheit wird man dieser Gehirnwäsche unterzogen. Das ist so unvermeidlich, wie diesen Satz hier gelesen zu haben. Dass das Einreden von Schwachsinn funktioniert, beweist neben der Ferrero Kinder GmbH mit Anaphern, Neologismen und sonstigem Sprachm"ull wie dem Kühlschrank im Auto, der saftigen Milchschnitte, dem Milchjieper, dem Milchburger und dem Snack im Handy-Format auch ein wissenschaftliches Experiment. Man zeige einer Gruppe von Menschen ein Zufallsmuster und lasse sie dann selbst erklären, was man dort "richtigerweise" erkennen müsse. Die Teilnehmer unterwerfen sich demjenigen mit der "brillianteren", aber ebenso sinnlosen Deutung. Sollte man sich für das Berufsleben unbedingt merken.
Werfen wir noch einen letzten Blick auf eine der meines Erachtens widerwärtigsten Beispiele von Suggestion. Die Weihnachts-Cola-Cola-Werbung. Wenn Sie dieses Heft in den Händen halten wird sie schon tausende Male über den flimmernden Denkprothesenapparat gelaufen sein. Weihnachten, das kommt aus Amerika und ist eine Erfindung der Coca Cola Company. Ohne Coca Cola keine glücklichen Familien, keine Onkel die ihren Neffen abends Geschichten vorlesen, vielleicht sogar kein Schnee! So siehts aus. Zu den unartigen Kindern kommt der Gilb. Wenn Edith Piaf gewusst hätte, dass sie später für Werbebotschaften missbraucht wird, hätte sie es vielleicht doch bereut.
Trotz der neuen transparenten S-Bahnen mit immer noch denselben Binsenweisheiten an freien Werbetafeln, lohnt es sich vielleicht, sich gerade zur Besinnungszeit tatsächlich einen Moment lang auf die wichtigen und wahren Dinge des Lebens zu besinnen und zu fragen, ob man sich nicht doch einen Vortrag aus der Ringvorlesung "Neue Denkhorizonte" anhört. In diesem Sinne, nehmen Sie sich die Zeit zum kritischen Hinterfragen der täglichen Berauschung der Medienwelt und denken Sie die eigenen Gedanken. Lassen Sie sich von niemandem etwas einreden!... verdammt, erwischt!
Chrisly
[1] http://www.grey.de/kunden/pringels/pringels_main.htm
[2] Die Informatiker unter den Lesern wissen, dass ein Programm tatsächlich
manchmal nicht gestoppt werden kann, wenn die Anzahl der PUSHes nicht denen
der POPs entspricht ;)
[3] Übrigens ist es auch sehr interessant, was man sonst noch im Internet
findet: "I don't have any stats for Pringels in #Herzschmerz,
sorry". Ja, tut uns auch leid. Oder "Eine Anleitung für nen Bong aus
ner Pringels-Dose" -- sind die deswegen bei manchen so beliebt?
[4] Ich bedanke mich herzlich bei der Kommilitonin mit Nebenfach Medizin
für die Inspiration dieses Wortspiels!
©1997-2009 Chris Hodges. Last time updated on 02-Jun-09 12:11:42. Legal disclaimer, imprint.